Internet-Unternehmensgründungen in Deutschland

Aus Anlass des Öffentlichen Expertengespräches des Unterausschusses Neue Medien zum Thema „Existenzgründungen in der IT-Branche“  wurde ich von beiden großen Volksparteien um einen Blogbeitrag gebeten. Dazu der Hinweis, dass ich keiner Partei und keiner Lobbby angehöre. Ich habe ein Interesse, Unternehmertum im Internet-Bereich zu fördern – was in Deutschland oft auch bedeutet, dieses zu erklären.
Die SPD ist nicht gerade die klassische  Unternehmerpartei. Mit der Initiative Netzpolitik wird das Thema Internet-Kultur aktiv angegangen, und ich freue mich sehr, dass das auch aktives Nachfragen bei den Unternehmern einschliesst.

Wir Internet-Unternehmer sind eine schwierig zu fassende Gruppe:  Wir sind weder die folkloristische Idee der Ich-AG, bei der jeder seine Webagentur betreibt und die man mit Existenzgründungsmassnahmen fördern kann. Noch entsprechen wir dem traditionellen Unternehmerbild vom Patriarchen, a la Siemens oder Würth der sein Lebenswerk über Jahrzehnte aufbaut, das ganze mit der Bank seines Vertrauens finanziert und primär an Besitzstandswahrung interessiert ist.

Ich gehöre einer Generation von Unternehmern an, die Neues schaffen, und ständig neu Unternehmen erfinden. Unsere Firmen haben im Regelfall zwischen 20 und 300 Mitarbeitern. Eine Finanzierung durch Banken ist undenkbar. Die Regel ist Venture Capital. Für Förderanträge haben wir meistens keine Zeit. Wir spielen gerne eine aktive Rolle im gesellschaftlichen Wandel. Von der Politik erwarten wir uns wenig oder gar nichts. Im besten Fall keine Hemnisse, wie jetzt die Netzsperren.

Auch wenn ich als Unternehmer nicht gewöhnt bin, mich auf die Politik zu verlassen, gibt es einige Themen bei denen die Politik einiges bewegen könnte:

1. Ordnungspolitisch:

Bisher hat Politik in Deutschland eher angstgetrieben und mit wenig inhaltlichem Sachverstand agiert (Datenschutz, Streetview, Netzsperren). Sinnvoll wäre wenn Politik auch chancenorientiert agiert. Mittlerweile ist es so, dass einige Technologien in Europa erst später eingeführt werden als in den USA, was zur Folge hat, dass hiesige Unternehmen im Nachteil sind. Im Einzelfall mag das sogar wünschenswert sein, als Trend ist das ausgesprochen schädlich

2. In der Hochschulpolitik

Unternehmen wie Facebook, Google, aber auch deutsche Unternehmen befinden sich in einem weltweiten Wettbewerb um einen knappen Pool der besten Leute. In der SPD werde ich da manchmal missverstanden: es geht nicht darum, mit vielen gutausgebildete Leute zu arbeiten, sondern mit den Besten. Dazu brauchen wir eine andere Struktur von Studiengängen: Wirtschaft und Technik interdisziplinär verknüpft wie zum Beispiel in der Wirtschaftsinformatik, oder auch ganz neue Themen wie User Experience Design (UX).  In diesen Themen nehme ich von den Menschen, die sich auf Stellen bei uns bewerben einen riesigen Vorsprung der kleinen private Hochschulen gegenüber den altgedienten Universitäten war.

Auch geographisch: Innovation braucht Begegnung. High Potentials wollen an attraktiven Standorten studieren und sie sollten es auch, weil sie sich nur dort interdisziplinär begegnen können. Wir müssen uns eingestehen, dass der zentrale Hub für das Internet in Berlin entstanden ist. Vielleicht gibt es einen Nebenstandort in Hamburg und einen technischen Satelliten in Karlsruhe. Es ist gefährlich regionale Standortpolitik dadurch betreiben , dass wir die High Potentials an Hochschulen in die Provinz schicken.

3. Aktive Einwanderungspolitik

Wir sollten von hochqualifizierten Menschen aller Nationalitäten aktiv akquirieren. Nicht nur für das Internet, sondern für den gesamten Wirtschaftsstandort. Wir brauchen Visa für Hochqualifizierte und für Unternehmer, wie sie z.B. in den USA oder in Canada, aber auch in Singapur angeboten werden. Hier dürfen keinerei Herkunftsgedanken eine Rolle spielen. Und auch der letzte muss endlich verstehen, dass Arbeitsplätze keine fixe Fröße sind, sondern dann wenn mit hervorragend ausgebildeten und motivierten Leuten – gerade auch Einwanderern –  auch Arbeitsplätze entstehen für diejenigen die schon hier sind. Dieser Gedanke muss parteiübergreifend umgesetzt werden. Wir  können als Land noch gastfreundlicher werden. Die Fussball WM hat dazu einen riesigen Teil beigetragen. Wie können wir das weiter voranbringen?

4. Begünstigung von Venture Capital

Den Mangel in VC Kapital in Deutschland empfinde ich persönlich als nicht so gravierend. Kapital ist fungibel und mittlerweile haben die VCs anderer Länder wie  England und Frankreich (in Frankreich ist die Anlage in Venture Capital steuerbegünstigt) Deutschland fest auf ihrer Landkarte. Das ändert allerdings nichts dran, dass Venture Capital in Deutschland tröpfelt. In den USA z.B. können die großen Pensionskassen problemlos in die dortigen VCs. Es sollte daher geprüft werden, wie Venture Capital als Anlageform für institutionelle Anleger möglich und gegebenenfalls auch steuerlich attraktiv gemacht werden kann. Ich sehe keinerlei Bedarf für Subventionen.  Ich sehe es auch als kritisch an, wenn über regionale Instrumente bestimmte Branchen gefördert werden. Selbst in traditionellen Branchen ist die Förderung ineffizient, im Internet-Bereich kommen die Programme im Regelfall um Jahre zu spät. Hier würde ein Fonds, der Co-Investments mit anderen Risikogebern durchführt und dabei ausschliesslich die Gewinnerzielung im Sinn hat, effektiver greifen.

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