Plant die Bundesregierung freier Software die kalte Schulter zu zeigen?

Oliver Kaczmarek

Mit einer Kleinen Anfrage an die Bundesregierung möchte die SPD-Bundestagsfraktion erfahren, ob das Auswärtige Amt weiterhin die von Rot-Grün gestartete IT-Strategie rund um freie Software fortsetzt. Ein Umschwenken, so wie es momentan in IT-Kreisen vermutet wird, wäre nicht nur äußerst teuer, es wäre auch ein Rückschlag für den IT-Standort Deutschland.

Das Auswärtige Amt gilt seit zehn Jahren als Musterbeispiel für eine mutige und fortschrittliche ITInfrastruktur. So wurde 2002 begonnen, insgesamt 11.000 Desktop-Computer auf GNU/Linux und andere Open-Source-Anwendungen umzustellen. 2009 wurde dieser Prozess abgeschlossen. Im Mai 2008 war der damalige Bundesaußenminister und jetzige Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion Frank-Walter Steinmeier sogar Schirmherr des Linux-Tages. Steinmeier unterstrich neben dem Faktor der Kosteneinsparungen auch die gesellschaftliche Bedeutung:

Freie Software ist ein Zeichen für eine nach innen und nach außen offene Gemeinschaft. Die Entwicklung von Software liegt hier nicht in der Hand einzelner Personen oder Unternehmer, sondern einer weltweiten Gemeinschaft. Sie kann deshalb aus einem viel größeren geistigen Potential schöpfen. (Link zur vollständigen Pressemitteilung des Auswärtigen Amtes vom 27.05.2008)

Durch den Umstieg auf freie Software wurde das Auswärtige Amt das kostengünstigste Ministerium im IT-Bereich. So berichtete heise online im Jahr 2007:

Das Auswärtige Amt konnte mit einer konsequenten Open-Source-Ausrichtung seine Ausgaben für Informationstechnik in den vergangenen fünf Jahren deutlich reduzieren. „Wir haben seit Januar 2002 die Strategie, Open Source überall einzusetzen, wo dies sinnvoll ist“, erklärte der für die IT-Ausrichtung des Außenministeriums  zuständige Leiter, Rolf Schuster, gegenüber heise online. Inzwischen laufe allein auf den stationären Desktops noch Windows, während die Devise laute, „praktisch nur noch freie Software einzusetzen“. Ziel sei es,
Lizenzkosten zu sparen und die von Microsoft diktierten Update-Zyklen nicht mehr mitzumachen. Das bisherige Ergebnis kann sich sehen lassen. Seit der Umpositionierung ist das Auswärtige Amt Schuster zufolge „das mit Abstand günstigste Ministerium im Bund bei den IT-Kosten“.

Die Zahlen sind beeindruckend. Während die Umstellung auf freie Software nur 17 Millionen Euro kostete, ist nun möglicherweise von einem dreistelligen Millionenbeitrag auszugehen, sollte eine Rückabwicklung auf proprietäre Software erfolgen. Hinzu kämen auch enorme Folgekosten für
Support und die schleppende Migration bzw. Portierung. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen für die neue Software geschult werden, Dateien müssen so angepasst werden, dass sie auch durch proprietäre Software lesbar sind und es müssen neue Supportverträge abgeschlossen werden, die Aufträge an mittelständische Software-Unternehmen in Deutschland kosten werden.

Die Bundesregierung würde weitere wichtige Vorteile von freier Software ignorieren. Da bei quelloffener Software der Zugang zum ursprünglichen Code möglich ist, lässt sich das Linux-Betriebssystem – aber auch beliebig andere freie Software – speziell den Benutzer-Wünschen anpassen. Dies kann benutzerergonomischen Zwecken dienen, weil beispielsweise das Auswärtige
Amt Funktionen häufig benötigt, die normalerweise nur schwer zu erreichen sind, aber auch sicherheitskritische Bereiche können durch eine Individualisierung der Software optimiert werden. Proprietäre (also unfreie) Software ist deutlich anfälliger für Schadsoftware wie Computerwürmer
und –viren. Vor allem dasWindows-Betriebssystem war in der Vergangenheit häufig Ziel solcher Angriffe. Als besonderes Beispiel sei hier „Stuxnet“ erwähnt, das ein sog. Zero-Day-Exploit von Windows ausnutzte und ganze Industrieanlagen lahmlegte. Dass Staaten vermehrt das Ziel von
Cyberangriffen werden ist in den letzten Jahren deutlich zu beobachten.

Sollte die Bundesregierung einen Rückschritt auf proprietäre Software durchführen, so macht sie sich abhängig von hergebrachten Support- und Updatemethoden . Im Gegensatz zu unfreier Software kann freie Software immer und den eigenen Wünschen entsprechend aktualisiert und angepasst
werden. Bei proprietärer Software ist der Anwender bzw. die Anwenderin immer abhängig von den Update-Zyklen der Hersteller. Außerdem ist bei solch einem Update nicht einmal sichergestellt, dass die im Auswärtigen Amt gefundenen Fehler behoben werden oder gar spezielleWünsche der
Bundesregierung in die Aktualisierung einfließen.

Vor zehn Jahren wurde mit der Umstellung im Auswärtigen Amt ein viel beachteter Schritt getan. Es sind derzeit weder fiskalische, sicherheitspolitische noch ergonomische Gründe ersichtlich, die jetzt eine Rolle Rückwärts eindeutig erklärbar machten. Die Bundesregierung muss ihre IT-Strategie erklären!

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