Sexismus in Deutschland – Vom #aufschrei zum #aufbruch?

(Foto: picture alliance / dpa)
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Ein Hashtag bekam auf der re:publica-Konferenz in Berlin längsten Applaus. Anne Wizorek, Mitinitiatorin der #aufschrei-Bewegung, resümierte am letzten Tag der Veranstaltung vor mehreren hundert Teilnehmenden die Entwicklung der Debatte über Sexismus in Deutschland. Im Januar hatten Twitter-Nutzer_innen begonnen ihre Erfahrungen mit Sexismus, Belästigung und sexualisierter Gewalt über Kurzeinträge im Internet zu teilen und damit eine beispiellose Onlinebewegung entfacht. Vor wenigen Tagen wurde #aufschrei als erstes Hashtag überhaupt für den Grimme-Online-Award nominiert, Sexismus ist weiterhin ein Medienthema und aus Netzdebatten ohnehin nicht mehr wegzudenken. #Aufschrei hat etwas verändert, ja. Doch wie geht es weiter? Bei der größten Konferenz zu Internet- und Gesellschaftsthemen, bei der in Berlin vom 6. bis zum 8. Mai etwa 5.000 Menschen zusammenkamen, widmete Anne Wizorek sich dieser Frage.

Die SPD-Bundestagsfraktion hatte das Thema bereits zu Beginn des Jahres ernst genommen und aufgegriffen. Bei zwei Veranstaltungen diskutierten Abgeordnete der Fraktion mit Frauen und Männern aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen. Bei dem Fachgespräch „Wie sexistisch ist unsere Gesellschaft?“ nahm auch die Social-Media-Beraterin Anne Wizorek teil und sprach über mögliche Konsequenzen aus der Debatte. Auf einer zweiten offenen Diskussionsveranstaltung anlässlich des Internationalen Frauentags führte die Fraktion die Diskussion weiter um tiefer in die Ursachenanalyse und Lösungsansätze einzusteigen. Denn aus dem #aufschrei soll ein #aufbruch werden in eine Gesellschaft ohne Diskriminierung und Übergriffe aufgrund des Geschlechts. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren sich einig, dass die Ursachen vor allen Dingen in gesellschaftlichen Machtstrukturen zu suchen sind, die aufgebrochen zum Beispiel über eine Geschlechterquote in Unternehmen und Organisationen aufgebrochen werden können.

Auf diesen Punkt kam auch Anne Wizorek bei ihrem re:publica-Vortrag zurück: denn mehr Sichtbarkeit von Frauen und bessere Repräsentation und darüber Einflussmöglichkeiten können dabei helfen Stereotype zu überwinden und die Geschlechter miteinander in den Dialog zu bringen. Wie wichtig ist immer noch ist, die Diskussion weiter zu führen zeigten die Hass-Mails, die Anne Wizorek seit der #aufschrei-Debatte bekommt und im Rahmen ihrer Präsentation zeigte. Gewaltandrohungen und üble Beleidigungen gegenüber Frauen sind im Netz keine Seltenheit, sie sind Alltag. Die britische Autorin Laurie Penny rief bei ihrem Vortrag zu Cybersexismus insbesondere Internetnutzer_innen dies nicht länger zu akzeptieren: „Being a geek means making things, and fixing things … so fix cybersexism.“

Anne Wizorek zeigte die Wirkung von #aufschrei anschaulich von Statements, die sie von Frauen und Männern im Netz gesammelt hatte. Die Reaktionen betonten vor allen Dingen ein neues Wir-Gefühl, Solidarität und Sensibilisierung von Menschen, denen das Ausmaß von Sexismus bislang nicht bewusst gewesen war. Die Aktivistin betonte, bei #aufschrei sei entscheidend, dass es darum gehe wer sich eine bessere Gesellschaft wünsche, und wer den sexistischen Status-quo beibehalten wollte, nicht um eine Frauenfrage. Wer zuhören und verstehen wolle, könne zu einem reflektierten Handeln kommen, das einen Kulturwandel anstoßen werde. Dieser Wandel war auf der Konferenz in Berlin schon spürbar: kein anderer Vortrag bei der re:publica hatte vergleichbar tosenden Applaus erhalten – geschlechterübergreifend.

Den gesamten Vortrag, der die Geschichte von #aufschrei und seine Möglichkeiten zum #aufbruch darstellt, können Sie hier im Video sehen.

Die Veranstaltung der SPD-Bundestagsfraktion aus dem Februar mit Caren Marks, Thomas Sattelberger, Julia Borggräfe, Yasmina Banaszczuk und vielen anderen können Sie ebenfalls vollständig hier als Video anschauen. Schreiben Sie uns in den Kommentaren Ihre Ideen für eine Gesellschaft ohne Sexismus und für mehr Geschlechtergerechtigkeit.

Wir werden in den kommenden Tagen hier ausgewählte Vorträge der re:publica-Konferenz mit politischem Bezug für Sie vorstellen.

1 Kommentar zum Artikel

  • Julia R. am 10. Mai 2013

    Bravo! Weiter so!
    Den Artikel kann ich so unterschreiben ^^

    Ideen für mehr Geschlechtergerechtigkeit?
    Ob mir da so viel Neues einfällt …?

    Ich würde mir jedenfalls manchmal wünschen, dass Möglichkeiten aufgezeigt werden, wie man mit Sexismus am Besten umgehen kann, und auch Wege, ihn besser zu verstehen.

    So kann ich z.B. nur schwer rational begründen, warum ich mich durch die abwertende Bemerkung „Typisch Frau …“ gekränkt fühle, und wenn ich dann meine Ablehnung dieses Spruchs äußere, weiß ich auf das darauf folgende „Feministin!“ (ein typisches Totschlagargument) nichts mehr zu sagen.

    Meiner Meinung nach sind auch die Medien bzw. die Werbung stark sexistisch.
    Warum darf z.B. ein Mario Barth (war das überhaupt Mario Barth? Ich bin mir nicht mehr ganz sicher) in einer Werbung für die Bild-Zeitung mir seine abwertende Haltung über Frauen in der ganzen Stadt an den Kopf werfen? Gegen so etwas ist man leider machtlos!

    Ich glaube, es ist auch ein großes Problem in unserer Gesellschaft, dass Feminismus als überflüssig dargestellt wird (angeblich sind wir ja schon zu 100 % gleichberechtigt) bzw. lächerlich gemacht und nicht ganz ernst genommen wird. Das beste Beispiel ist hier das „-Innen“ am Ende mancher Substantive, das in meiner Umgebung überwiegend negativ bewertet wird! Auch die Existenz des Begriffes „Emanze“ spricht Bände.

    Man muss am Image des Feminismus arbeiten, und ihn der Bevölkerung besser vermitteln, wenn man die Menschen wirklich erreichen will! Ansonsten wird man damit auf breite Ablehnung stoßen. Außerdem sollte man auch in einigen Punkten auf die „Gegenseite“ eingehen. Vielleicht macht es Sinn, nicht immer nur von Frauen, sondern auch gleichzeitig von Männern zu sprechen? Vom Miteinander statt vom Gegeneinander … Man könnte sich z.B. mit der Wirkung des Feminismus auf Männer beschäftigen, oder damit, wie Sexismus entsteht, warum Männer sich sexistisch verhalten, und was sie selbst dagegen tun könnten. Oder mit Sexismus Männern gegenüber …

    So das soll jetzt aber genügen.
    Viele Grüße
    Julia R.

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