„Das Geschrei ist immer lauter als der Applaus“

Jugendliche beim Planspiel 2012 der SPD-Bundestagsfraktion.
Jugendliche beim Planspiel 2012 der SPD-Bundestagsfraktion.

Werden Politikerinnen und Politiker in den Medien zu schlecht dargestellt? Zu dieser Frage haben uns Essays von Jugendlichen erreicht. Die Antworten verblüffen.

An diesem Wochenende wird wieder das Planspiel Zukunftsdialog der SPD-Bundestagsfraktion stattfinden. 140 Jugendliche aus ganz Deutschland werden für vier Tage nach Berlin kommen, um in die Rollen von Abgeordneten zu schlüpfen. Sie wählen aus ihrer Mitte eine Fraktionsvorsitzende oder einen Fraktionsvorsitzenden und arbeiten in mehreren Arbeitsgruppen Anträge aus – eben wie die richtige Bundestagsfraktion der SPD. Und wie im richtigen Berliner Politikbetrieb dürfen die Medien natürlich nicht fehlen.

Also wird ein halbes Dutzend der Jugendlichen ein Redaktionsteam bilden. Sie werden über die Arbeit der „Abgeordneten“ Reportagen schreiben, Newsletter verfassen oder Interviews führen. Am Schluss werden sie eine Zeitung herausgeben – als Erinnerung für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Aus mehr als 40 Bewerbungen für dieses Redaktionsteam wurden fünf der 140 Planspielteilnehmenden ausgewählt. Sie alle haben bemerkenswerte Essays zu der Frage „Werden Politiker in den Medien zu schlecht dargestellt?“ eingereicht. Die stärksten Argumente haben wir zusammengefasst:

„Politiker sind wie Schauspieler, und die Medien sind ihre große Bühne“, schreibt Elena Glombik, 20 Jahre alt. Für Elena bräuchten die Volksvertreter ein dickes Fell, „denn kritische Medien sollen nachbohren und die Wahrheit aufdecken. Schließlich wollen wir den Politikern vertrauen können und ihnen unsere Stimme schenken. Wähler wünschen sich Authentizität.“ Elena schreibt, dass Politik und Medien miteinander verwoben seien – aber: „Kritischer Journalismus ist keine Hofberichterstattung.“

Auch Sophie Hannah Kiderlin, mit 15 Jahren die jüngste aller Bewerberinnen und Bewerber, findet, dass Politiker das Rampenlicht suchen. „Medien heißt Öffentlichkeit, durch Medien werden die Wähler erreicht“, formuliert sie, bricht aber auch eine Lanze für jene Abgeordneten, die „pendeln zwischen Wahlkreisen und den Parlamenten, nächtelangen Sitzungen in ihren Fraktionsausschüssen, entscheiden über Milliardenkredite zur Eurosanierung, Ausbau von U-3-Kindergartenplätzen oder auch die Schließung von Schwimmbädern zur Entlastung der städtischen Haushalte.“ Sophie erklärt, dass es zwei Gattungen von Politikern gibt: Die allermeisten Politiker würden hinter den Kulissen arbeiten, „währenddessen tun andere alles dafür, mehr „likes“ bei facebook zu haben, als die Konkurrenz, was ja wirklich nichts über die Qualität der Arbeit eines Politikers aussagt. Diese sind Selbstdarsteller, die erst schnell aufsteigen und dann noch schneller wieder versenkt werden, oft von den gleichen Medien, die sie erst hochgebracht haben.“

Aber: „Die wenigen Möglichkeiten des Normalbürgers, sich eine ungefilterte Wahrnehmung von Politikern machen zu können, sind Parlamentsreden, Wahlkampfauftritte oder sonstige Veranstaltungen“, konstatiert Jan Tatje (18) und fragt: „Doch wie viele Bürger nehmen diese Möglichkeiten auch wirklich war?“ In seinem Text beschreibt Jan einen Kontrast, der ein Politikerbild zeichnet, „das mit allen gängigen Zuschreibungen und Vorurteilen behaftet ist, zum Beispiel machthungrig, habsüchtig, inkompetent, heuchlerisch, charakterlos. Auf der anderen Seite stehen unsere Erwartungen, welche dem „Politiker-Ideal“ nahekommen.“ Jan Tatje meint, dass sich Politiker abschotten und gegen Kritik immunisieren würden, um durch das von ihm beschriebene Spannungsverhältnis nicht Gefahr zu laufen, Fehler und Schwächen eingestehen zu müssen. Andererseits müssten sie Superhelden sein. „Politiker werden durch die (nicht-)mediale Öffentlichkeit zu aalglatten Opportunisten erzogen, da jegliche Form eines abweichenden Verhaltens sanktioniert werden würde“, schreibt der Gymnasiast. Aber auch die Wähler trügen laut Taje ihren Teil zu dem Paradoxon vom Bild eines Politikers bei, „denn eigentlich wolle er (der Wähler, A. d. V.) nur jemanden, der ihm so glaubwürdig wie möglich nach dem Munde rede, wie „die Jungfer, die sich nach dem Heiratsschwindler sehnt“.

„Die deutsche Öffentlichkeit ist sehr kleinlich, was Skandale und Dämlichkeiten von Politikern angeht, und das ist auch gut so.“ Dieser Meinung ist Daniel Roy, ein 16-Jähriger aus Bottrop. Die deutschen Politiker hätten in den letzten Jahren zu viele Projekte „vermasselt“, etwa die Gesundheitsreform von Schwarz-Gelb, Stuttgart 21 oder den Berliner Flughafen. Er schreibt: „Ich kann nicht beurteilen, wie schwer es ist, eben solche Projekte unfallfrei zum Laufen zu bringen, doch wenn Steuermilliarden sinnlos verschwendet werden, hört die Toleranz auf.“ Die Medien würden eine informierend unterstützende Rolle einnehmen, stellt Daniel fest – „so wird Deutschland auch weiterhin durch Mitdenken seine Politiker regulieren.“ Man lebe weder in Nordkorea, dem Iran noch in Bayern und habe die Möglichkeit, Politiker abzuwählen. „Journalisten helfen uns dabei, Politiker kritisch zu bewerten. Das Geschrei ist eben immer lauter als der Applaus, egal von wo er denn nun auch kommen mag.“ Als gewählter Volksvertreter solle man mediale Kritik und die schlechte Darstellung der eigenen Person abkönnen und dennoch seine Meinung vertreten, fordert der junge Autor.

Tobias Krauß plädiert für eine verantwortungsbewusste Kooperation zwischen der Politik und den Medien. Beide Institutionen würden von der gegenseitigen Abhängigkeit profitieren. „Die seriöse Berichterstattung gestaltet sich für die Medien jedoch zunehmend schwieriger, da im freien Wettbewerb die Nachfrage das Angebot bestimmt.“ Tobias folgert, dass dies konkret hieße, dass die Medien ihre Kunden vor allem emotional erreichen müssen. Damit das gelinge, bedürfe es in vielen Fällen einer kritischen Berichterstattung der Personen, die in der Öffentlichkeit populär seien. „Inwiefern diese Berichterstattung jedoch gerechtfertigt ist, hinterfragt in der sensationshungrigen Medienwelt zumeist niemand.“ Tobias stellt klar, dass eine kritische Darstellung von Politikern durch Medien angemessen sei, wenn ausschließlich bestätigte Fakten in korrektem Zusammenhang veröffentlicht würden. „Die Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik Deutschland sind auf diese verantwortungsbewusste Kooperation angewiesen.“

In allen eingereichten Essays wurde deutlich, dass ohne mediale Aufarbeitung Demokratie nicht funktionieren würde. Doch waren sich die Autorinnen und Autoren auch einig, dass auf beiden Seiten einige schwarze Schafe das Rampenlicht beziehungsweise die Schlagzeilen für den Wettbewerb ausnutzen. Und auch der Konsument, die Konsumentin trägt mit dem Leseverhalten zu der Darstellung von Politikern bei. Politik wird eben nicht für das Kino gemacht. „Medien und Politik müssen sich daher gleichermaßen um eine seriöse Berichterstattung bemühen, ohne eigene Interessen in den Vordergrund zu stellen“ (Krauß). Das wird die junge Redaktion ganz gewiss für das kommende Wochenende beherzigen, wenn sie selbst über das Planspiel Zukunftsdialog 2013 berichten.

Das Planspiel wird auf der Fraktionswebsite www.spdfraktion.de und der Facebook-Seite der Fraktion redaktionell begleitet.

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