Neue Chance für den Nachwuchspakt

Hubertus Heil, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion; Foto: spdfraktion.de (Susie Knoll / Florian Jänicke)
Hubertus Heil, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion; Foto: spdfraktion.de (Susie Knoll / Florian Jänicke)

Der wissenschaftliche Nachwuchs in Deutschland muss besser gefördert werden. Dafür macht sich die SPD-Bundestagsfraktion schon seit Längerem stark und hat deshalb im Herbst 2014 einen „Nachwuchspakt“ angeregt.  Nun kommt Bewegung in die Diskussion – denn das Konzept findet auch außerhalb der SPD-Fraktion zunehmend Unterstützung. Ein solcher Pakt für den Wissenschaftsnachwuchs wäre ein großer Wurf für eine große Koalition und die Ausgangslage sei günstig, schreibt SPD-Fraktionsvize Hubertus Heil in seinem Namensbeitrag.

Die Diskussion zur Lage des wissenschaftlichen Nachwuchses nimmt endlich Fahrt auf. Nachdem die SPD im Herbst letzten Jahres einen Nachwuchspakt vorgeschlagen hat, erhält die Idee nun immer mehr Unterstützung – zuletzt sogar durch Ministerin Wanka. Das ist erfreulich, überrascht uns aber nicht wirklich. Denn zu eindeutig ist die Schlüsselrolle, die den jungen Forscherinnen und Forschern in unserem Innovationssystem zukommt. Wir brauchen ihre Ideen, ihre Kreativität und ihre Neugier für unsere künftige Innovationsfähigkeit. Denn Innovation ist ein anderes Wort für Wohlstand von morgen. Und zu eindeutig ist die gegenwärtig schwierige Lage für den Wissenschaftsnachwuchs in Deutschland. Denn auch in der Wissenschaft arbeiten Menschen, die die gleichen Erwartungen haben wie andere Beschäftigte auch. Sie wollen gute Arbeitsbedingungen, klare Karrierechancen und nicht zuletzt Familie und Beruf miteinander in Einklang bringen.

Und genau hier liegt das Problem: Unser Wissenschaftssystem ist dazu derzeit nicht in der Lage, die besten Köpfe zu gewinnen und ihnen attraktive Perspektiven zu bieten. Mittelfristig gefährden wir die damit Qualität unseres Innovationssystems. Mit der anstehenden Novelle des Befristungsrechts in der Wissenschaft werden wir zwar den Missbrauch in Form von ungerechtfertigten, ultrakurzen Kettenbefristungen erschweren – sicher aber nicht neue Stellen und Perspektiven schaffen. Das war für uns der Anstoß, einen Pakt für den Nachwuchs und akademischen Mittelbau vorzuschlagen und um Unterstützung zu werben.

Breiter Konsens für Nachwuchspakt

Die Ausgangslage für einen solchen Nachwuchspakt ist günstig wie selten. So herrscht ein breiter Konsens darüber, dass gehandelt werden muss. Die Fakten sprechen gerade im internationalen Vergleich eine klare Sprache: ein Durchschnittsalter von 42 Jahren bei Erstberufungen, über 80 Prozent des wissenschaftlichen Personals befristeter Beschäftigung und mit Laufzeiten bei jedem zweiten Vertrag von unter einem Jahr. Solange kein Lehrstuhl ergattert wird, bleibt man ewiger „Nachwuchs“. Das ist in etwa so, als wenn man im Profifußball von einem 30jähigen weiterhin als „Talent“ spricht. Nicht von ungefähr stehen planbarere Karrieren und mehr Dauerstellen ganz oben auf der Wunschliste der Jungforscherinnen und -forscher.

Die Gründe für die schwierige Lage liegen auf der Hand: Unterfinanzierung der Hochschulen, Zunahme flüchtiger Drittmittel, zu wenig Professuren und fehlender Mittelbau haben die Konkurrenz in der Wissenschaft im letzten Jahrzehnt deutlich verschärft. Zusammen mit dem Run auf ein Studium in den letzten Jahren ist das Prinzip, Daueraufgaben mit Dauerstellen zu unterlegen, längst nur noch Wunschdenken. Hier sind Bund und Länder auch Opfer des eigenen Erfolgs. Sie haben mit milliardenschweren Programmen auf Zeit wie dem Hochschulpakt und der Exzellenzinitiative zwar den Wissenschaftsstandort nach vorne gebracht – aber eben auch kräftig die Schraube in Richtung befristeter Projektmittel weitergedreht.

Bund und Länder haben aber gleichwohl dazugelernt. Die Koalition hat vor drei Monaten die Gestaltungsspielräume des Bundes mit einem neuen Artikel 91b GG ausgeweitet. Auch deshalb ist die Ausgangslage für einen Nachwuchspakt günstig. Anders als im Schulbereich, wo die Union am Kooperationsverbot festgehalten hat, darf der Bund bei Hochschulen faktisch das gleiche wie die Länder. Einzige Voraussetzung ist, dass er gemeinsam mit ihnen handelt. Der Weg steht somit offen und wir wollen die Chance nutzen. Frau Ministerin Wanka hat die Unterstützung der SPD-Bundestagsfraktion, wenn sie ihrer jüngsten Ankündigung Taten folgen lassen will und den Ländern nun doch ein Angebot machen will.

SPD-Fraktion setzt auf vier Bausteine zur Nachwuchsförderung

Es gibt also den Bedarf, es gibt den politischen Willen und es gibt einen gangbaren Weg – bleibt die Frage nach dem Wie. Natürlich ist es Verhandlungssache, wie ein Nachwuchspakt von Bund und Ländern am Ende aussehen wird. Für die SPD-Bundestagsfraktion will ich aber vier Eckpfeiler nennen, an denen wir uns orientieren:

  • Ein wichtiger Baustein muss erstens die Stärkung der Juniorprofessur sein. Ihre Potenziale sind bei weitem nicht ausgeschöpft, zumal wenn sie mit einer Folgeperspektive (Tenure Track) versieht.
  • Ein Nachwuchspakt muss den Hochschulen zweitens Spielräume verschaffen, ihren wissenschaftlichen Mittelbau neu zu erfinden. Dessen Abbau war ein Fehler und muss hochschulgetrieben korrigiert werden. Hier sollten etwa neue Personalkategorien unterhalb einer Professur ausprobiert und moderne Personalentwicklungs- und Managementkonzepte gefördert werden.
  • Drittens muss sich ein Nachwuchspakt in eine Gesamtperspektive einfügen. Einmal zeitlich, weil auch der Hochschulpakt befristet ist und die Bund-Länder-Finanzbeziehungen ohnehin bis 2020 neu geordnet werden. Es wäre also verfrüht, ihn als auf Dauer einzurichten. Aber auch konzeptionell, so dass er neben dem Hochschulpakt und der Exzellenzinitiative eine eigenständige, personelle Mission für unser Wissenschaftssystem erfüllt. Uns erscheint eine Laufzeit von nicht unter 10 Jahren sinnvoll, um zeitgleich schnelle Hilfe zu ermöglichen und eine ausreichende Planungsperspektive zu geben.
  • Und viertens schließlich müssen die Anreize, die Veränderungen in den Hochschulen bewirken wollen, auch entsprechend dimensioniert ein. Wir wollen daher mindestens eine Milliarde Euro für einen Nachwuchspakt aufwenden, weil erst ab dann erwartbare Effekte den Aufwand rechtfertigen.

Ein Nachwuchspakt von Bund und Ländern ist eine große Chance, gemeinsam mit den Ländern und Hochschulen die zwei wichtigsten Ziele moderner Wissenschaftspolitik voranzubringen: unser Wissenschafts- und Innovationssystems zukunftsfester zu machen und zugleich den Menschen, die in ihm arbeiten und leben, gute Arbeitsbedingungen und Lebensperspektiven zu sichern. Er wäre ein großer Wurf für eine große Koalition und die Ausgangslage ist günstig. Wir sind dazu bereit.

 

Über den Autor:

Hubertus Heil ist stellvertretender Fraktionsvorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion und als solcher unter anderem verantwortlich für die Politikfelder Bildung und Forschung.
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