Verachten wir die Meister nicht!

Ausbildung_Lehrling_Handwerk_Bilderbox_720x360

„Verachten wir die Meister nicht!“, fordern der bildungspolitische Sprecher Ernst Dieter Rossmann und der Berichterstatter zum „Meister-Bafög“ in der SPD-Bundestagsfraktion, Martin Rabanus. in einem Gastbeitrag in der Frankfurter Rundschau. Was bei Richard Wagners „Meistersingern“ in Emphase kumuliert, bekomme in der Gegenwart eine ganz praktische Dimension: Die Anerkennung und die nachhaltige Förderung für eine herausgehobene nicht akademische Qualifikation und berufliche Kompetenz.

Diese zu erhalten und auszubauen wird in Deutschland zum Glück immer mehr politischer Konsens. Dafür steht nicht zuletzt die breit verankerte Initiative im Parlament gegen die Bestrebungen der EU, den Meisterbrief als Wettbewerbshemmnis zu relativieren. Die Meisterqualifikation muss bleiben. Tatsächlich ist es ja auch widersinnig, das duale Ausbildungssystem in Deutschland allenthalben zu loben und von diesem System profitieren zu wollen, und gleichzeitig eine tragende Säule hiervon infrage zu stellen.

Deutschland tut gut daran, sich hiergegen zu wehren. So wie es auch bislang erfolgreich dafür gekämpft hat, die Gleichwertigkeit von einer beruflichen Ausbildung mit einem höheren Schulabschluss und von einem Zertifikat als Meister/Fachwirt oder Techniker mit einem akademischen Bachelor im Europäischen Qualifikationsrahmen herzustellen. Hier heißt es aber wachsam bleiben. Der Kampf um die Ausfüllung der Niveaustufen 4, 5 und 6 im Europäischen Bildungsraum ist noch nicht zu Ende.

Die ganz praktische Aufwertung von Abschlüssen aus der beruflichen Ausbildung spiegelt sich auch in dem breiten Konsens wider, der mittlerweile mit Blick auf die prinzipielle Durchlässigkeit aus der beruflichen Bildung in die akademische Bildung erzielt worden ist. Auftrieb hat diese Entwicklung jetzt durch zwei Initiativen der Bundesregierung bekommen, die sich vor allen Dingen durch die Lebensnähe ihrer guten Absicht auszeichnen.

Ausbau des Gesetzes nötig

Wie kann das Potenzial von 25 Prozent der Studierenden, die ein Studium nicht mit einem Zertifikat erfolgreich beendet haben, für eine Berufsausbildung genutzt werden? Erste Berichte von Kooperationspartnern aus Wirtschaft und Handwerk zeigen hierfür ein großes Interesse, wie es auch bei den dafür infrage kommenden Aussteigern und Umsteigern zu verzeichnen ist. Die andere Initiative richtet sich auf die Möglichkeit, mit einem ersten akademischen Abschluss den Einstieg in eine berufliche Aufstiegsfortbildung zum Meister, Fachwirt oder Techniker zu finden und entsprechend gefördert zu werden. Auch diese Verabredung aus dem Koalitionsvertrag soll das Diktum der Gleichwertigkeit praktisch umsetzen.

Kernstück einer Aufwertung der beruflichen Bildung und insbesondere einer Verstärkung der Spitzenförderung in diesem Beruf muss aber die Modernisierung und der Ausbau des Gesetzes zur Aufstiegsfortbildung werden. Dieses sogenannte Meister-Bafög wurde 1997 eingeführt und seitdem 2002 unter rot-grüner wie 2009 unter schwarz-roter Regierungsverantwortung bereits zwei Mal deutlich verbessert.

Es unterstützt aktuell rund 170 000 Menschen mit einer beruflichen Erstausbildung und beruflicher Praxis bei der Finanzierung ihrer Aufstiegsfortbildung. Auch wenn die Meister-Förderung für das populäre Label sorgt: Die größten Gruppen bilden hier die angehenden Fachwirte und Techniker mit 85 000 Personen. Erst danach folgen mit rund 48 000 die zukünftigen Meister. Dies unterstreicht die Modernität und den hohen Nutzen dieses Bundesgesetzes für die berufliche Weiterbildung genauso wie die Priorität für die Förderung von 90 000 Geförderten in Teilzeitmaßnahmen in Relation zu 70 000 in Vollzeitmaßnahmen.

Wenig Frauen

Verbesserungswürdig ist noch das Verhältnis von 68 Prozent Männern zu 32 Prozent Frauen. Wer sich zu einer solchen freiwilligen Aufstiegsfortbildung entschließt, nimmt eine beträchtliche Anstrengung auf sich: bis zu 24 Monate in Vollzeit und bis zu 48 Monate in Teilzeit, verbunden mit einem deutlichen Einkommensverzicht und gleichzeitigen zusätzlichen privaten Aufwendungen. Die Beiträge für die Lehrgangskosten, die Abschlussarbeiten und die Prüfungsgebühren können sich schließlich schnell auf über 10 000 Euro summieren.

Hier besteht in der Förderung noch immer eine eklatante Ungleichheit zum – in der Regel – kostenfreien akademischen Studium, sind doch die Lehrgangsgebühren nur zu 30,5 Prozent bezuschusst. Das muss jetzt dringend geändert werden. Die Familienfreundlichkeit und die Unterhaltsleistungen, die Kalkulierbarkeit der nachlaufenden Finanzbelastung und die Entbürokratisierung verdienen ebenfalls Reformanstrengungen. Insbesondere wird auf eine Unterstützung der Teilzeitfortbildung zu achten sein. Denn hier ist das größte Zukunftspotenzial in der Verbindung von Berufstätigkeit und Fortbildung, mit Anbindung an einen Betrieb und der Perspektive auf mehr Verantwortung.

Diese individuelle Aufstiegsperspektive liegt auch im gesamtgesellschaftlichen Interesse. In einer gemeinsamen Erklärung von Regierung, Wirtschaftsverbänden und Gewerkschaften aus dem Jahr 2012 wurde das Potenzial der Aufstiegsfortbildung als unbedingt ausbaufähig und notwendig eingeschätzt. 200 000 Handwerksunternehmer gehen in den nächsten zehn Jahren in den Ruhestand. Meister, Fachwirte und Techniker als gehobene Fachkräfte werden schon jetzt vielfach gesucht. Nach der weitreichenden Bafög-Reform für die Studierenden muss jetzt eine mutige Reform des Meister-BaföG zwingend folgen. Diese gilt es im Jahr 2015 vorzubereiten, damit sie 2016 dann wirksam werden kann.

 

Über die Autoren:

Ernst Dieter Rossmann ist Sprecher der Arbeitsgruppe Bildung und Forschung der SPD-Bundestagsfraktion.

Martin Rabanus ist Berichterstatter zum „Meister-Bafög“ in der SPD-Bundestagsfraktion.

 

Der Beitrag erschien zuerst in der Frankfurter Rundschau (www.fr-online.de).

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

 
* Erforderliche Felder; E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht